Archive for the 'Barmblog auf Reisen' Category

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Wo ist oben in Köln?

Vor einigen Wochen berichtete ich über den Kaffeeautomaten in der DB Lounge am Kölner Hauptbahnhof. Während mir diese Episode als liebenswerte Schrulle im Gedächtnis blieb, lieferte mir die kleine Schwester gestern ein verstörendes Indiz, das mich vermuten lässt, dass der Kölner mit Kaffeeautomaten im allgemeinen überfordert ist. Oder kann er einfach oben und unten nicht auseinanderhalten?

standesamtkoeln

„Bitte die Becher nicht falsch herum reinsetzen!“ steht auf dem Schild, das die Schwester im Kölner Standesamt fotografiert hat. Das gibt mir jetzt arg zu denken. Bevor ich mich also zu Kommentaren über die Kölner hinreißen lasse, für die ich mir als gebürtiger Düsseldorfer nicht nur Schadenfreude sondern auch revanchistisches Gedankengut vorwerfen lassen muss, frage ich hier zur Sicherheit in die Runde, ob jemand schon in anderen Städten als Köln solche Warnhinweise gesehen hat. Gerne mit Foto, übrigens. Was natürlich noch viel besser wäre, sind weitere Indizien aus Köln, die meinen Verdacht erhärten.

Urlaubserinnerungen

Beim ersten Anfall von Halsschmerzen in dieser Wintersaison habe ich heute morgen noch schnell die Flasche mit der Erkältungsmedizin, die ich im Oktober in Montréal gekauft habe, aus dem Badezimmerschrank gegriffen. Den wirklich fiesen Geschmack dieses Sirups hatte ich vergessen. Jetzt ist er wieder da. Brrrr…

Aber es war toll, den zu kaufen. R. und ich standen vor dem Regal im Drogeriemarkt und überlegten, welches der unzähligen Kombipräparate am geeignetesten wäre, um meine Oktobererkältung zu vertreiben. „Nimm doch das hier, da ist auch noch etwas gegen Halsschmerzen drin“, sagte sie in ihrer unumstößlichen Weitsicht. Ich hatte zwar damals keine Halsschmerzen, dafür kommt mir dieser Bestandteil der Rezeptur nun sehr zu Gute.

Bin ein großer Freund des freien Verkaufs solcher Medikamente.

Zugbloggen

Freitag Nachmittag, 16:50 im IC von Hamburg nach Düsseldorf, als ich den Mann, der sich vor mir auf meinen reservierten Platz setzt, darauf hinweise, dass er direkt wieder aufstehen kann: „Ach, der Platz ist reserviert? Na dann setze ich mich auf meinen Platz.“ (Es ist Freitag nachmittag!)

In Bremen zeigt ein Zugestiegener auf die Reservierungsdisplays: „Wenn hier steht, ‚Bremen — Münster‘, heißt das, dass der Platz dann reserviert ist?“

Schlimmer als Zwölftonmusik: „Du, ich sitz jetzt im Zug.“

Können wir die Unterteilung in 1. Klasse und 2. Klasse bitte ersetzen durch „Klasse für Leute, die regelmäßig Zug fahren und wissen, wie man sich im Zug verhält“ und „Neulinge und Seltenfahrer, denen man alles erklären muss“?

Italienische Reise (Teil 3 & Schluss)

Die erste Nacht, nachdem ich wieder zum vertrauten Reiseverbund dazugestoßen war, verbrachten wir in einem Olivenhain außerhalb von Messina. Am nächsten Tag wollten wir auf dem Weg nach Norden ein ganzes Stück Strecke hinter uns legen, um vor der endgültigen Rückkehr nach Innsbruck noch ein paar Tage in der Toskana zu verbringen. Nur noch ein paar Tage, dann sollte es geschafft sein, ich wäre wieder zu Hause und könnte diese Reise ad acta legen. Vor der Rückfahrt graute mir etwas. Warum ich mich nicht spätestens zu diesem Zeitpunkt am nächstbesten Bahnhof habe absetzen lassen, um die Gruppe, in der ich mittlerweile zum totalen Außenseiter geworden war und das Auto, das mit gutem Willen als rollende Zeitbombe zu bezeichnen war, hinter mir zu lassen, ist mir heute schleierhaft. Vielleicht waren es die letzten Fragmente eines rheinischen Katholizismus, die mir befohlen, all dies zu ertragen. Oder aber einfach meine tiefe Zuneigung zum Cousin M. und dass ich unsere langjährige Freundschaft nicht aufs Spiel setzen wollte.

Am Mittwoch, dem 14. August saß M. viel zu lang am Steuer: Von Reggio di Calabria bis ungefähr Neapel. Musste er auch, war er doch zu diesem Zeitpunkt der einzige von uns, der das Monster von Auto noch halbwegs unter Kontrolle halten konnte. Der Auspuff war mittlerweile ganz ab (mein schöner Hartschaltenkoffer hatte eine hitzebedingte Ausbeulung, weil er an der Stelle im Kofferraum lag, an der die heißen Abgase direkt auf den Fahrzeugboden wirkten) und — was noch schlimmer war — die Bändigung der Lenkung erforderte Konzentration und Feinfühligkeit, wie sie einem Löwenbändiger zur Ehre gereicht hätten. Doch irgendwann waren auch seine Kräfte erschöpft, M. bat um Ablösung am Steuer. Ich erklärte mich bereit und übernahm.

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch kein so erfahrener Autofahrer. Den Führerschein besaß ich seit fast zwei Jahren, bin auch viel gefahren in der Zeit, aber eine gewisse Coolness im Verkehr habe ich mir erst beim Essenausfahren während des Zivildiensts erarbeitet. Bis dahin sollte es noch einige Monate dauern. So fühlte ich mich etwas überfordert, als ich beim Überholversuch von einem dramatisch schnellen, wild lichthupenden und blinkenden Fahrer, der von hinten kam, abgedrängt wurde. Ich brach den Überholvorgang ab, zog das Steuer einen Tick zu schnell nach rechts und verlor die Kontrolle über den Wagen. Beim AUfprall auf die Leitplanke gab es einen Krach, das Auto wurde wild durchgeschüttelt. Als ich wieder klar denken konnte, standen wir auf dem rechten Seitenstreifen, das Auto war nun auch offiziell Schrott. Keinem der Insassen war etwas passiert, der Schock war aber groß.

Zuerst waren wir ratlos, was nun zu tun sei. Wir mussten zuerst runter von der Autobahn, aber der Fiat ließ sich beim besten Willen nicht mehr in Bewegung setzen. Die Frontpartie war doch ein wenig sehr eingedrückt. Selbst wenn wir es aus eigener Kraft noch von der Autobahn herunter geschafft hätten, wären wir mit dem Auto niemals mehr bis nach Österreich gekommen. Guter Rat war teuer — doch irgendjemand kam auf den rettenden Gedanken: die Benzingutscheine. Waren wir durch den Besitz des Gutscheinhefts nicht quasi Mitglied im ACI, dem Automobile Club d’Italia? Aber klar. Da war doch eine Unfallversicherung drin. Also riefen wir den Abschleppwagen, der wenig später aus der nahe gelegenen Ortschaft San Cesareo, knapp 30 km von Rom entfernt, heranrollte. Der Fahrer lud uns auf den Wagen auf und schleppte uns zu seiner Werkstatt.

Der Fahrer war nicht besonders begeistert von unserem Notfall, er witterte Ärger, war aber doch hilfsbereit und gestattete uns, auf dem Grundstück neben seiner Werkstatt unser Lager für die Nacht aufzuschlagen. Wir wollten erstmal schlafen und uns am nächsten Tag in aller Ruhe um die weiteren Dinge kümmern: Wie kommen wir nun nach Hause? Was machen wir mit dem Schrottauto?

Am Morgen des 15.08. berieten wir, was nun zu tun sei. Wir fragten den Werkstattinhaber, ob er unseren Fiat Bronski verschrotten könne. Er machte uns jedoch sehr deutlich, dass er mit unserem Auto in diesem Zustand nichts anfangen könne. Er könne kein ausländisches Auto, das nach Italien eingeführt worden sei, einfach so verschrotten. Das wäre Steuerhinterziehung, weil er ja gar nicht beweisen könne, dass er das Auto nicht verkauft habe. Wir haben ja auch gar keine Eigentümerurkunde dabei. Ohne das könne er den Wagen unmöglich zur Schrottpresse bringen.

Erster Ansprechpartner in dieser unerfreulichen Situation war für uns die österreichische Botschaft in Rom, von der wir hofften zu erfahren, wie wir mit dem schrottreifen Auto verfahren sollten. Doch leider erreichten wir an diesem Donnerstagmorgen dort niemanden am Telefon. Niemanden. Auch bei der deutschen Botschaft erreichten wir kein Personal, lediglich der Hausmeister ging ans Telefon und erklärte uns, dass heute der 15.08. sei, Ferragosto, einer der höchsten Feiertage Italiens. Außerdem sei morgen Freitag; in Kombination mit dem Feiertag hätten keine Chance, vor Montag jemanden zu erreichen!

Ich war am Boden zerstört. 30 km von Rom entfernt, mit einem schrottreifen Auto im Gepäck, an einem Feiertag vor einem langen Wochenende. Und unser unfreiwilliger Gastgeber schien auf eine Lösung zu warten, auch gerne noch bevor er den Feiertag richtig begänne. Es war zum Heulen. Uns war klar, dass wir vor Montag nichts erreichen würden und verdammt waren, hier auf diesem Acker zu warten. Ich wollte nur noch nach Hause.

Die anderen aber ließen sich nicht so leicht unterkriegen. Schließlich hatten wir vor, noch ein paar Tage durch die Toskana zu fahren. Da könnte man das Wochenende noch nutzen. Ob es die A., die K. oder der M. war, der sich erinnerte, dass wir dank unserer Benzingutscheine eine Unfallversicherung hatten. Diese Versicherung sorgte nicht nur für das Abschleppen im Notfall, sondern auch dafür, dass wir einen Leihwagen für die Überbrückung kriegen sollten, maximal drei Tage. Also forderten wir vom Werkstattinhaber, dass er uns nun einen entsprechenden Wagen bereitstellen sollte, aber pronto!

Er habe keinen Leihwagen, er sei nur eine kleine Werkstatt, was wir denn erwarten würden? Wir antworteten, dass er ja schließlich eine Plakette des Automobilclubs hätte, also Vertragspartner sei. Wir seien durch die Benzingutscheine ebenfalls Mitglied und nun hätten wir gerne den Leihwagen, da gebe es nichts zu rütteln. Er sah wohl ein, dass unsere Argumente stichhaltig waren und telefonierte mit einer anderen ACI-Werkstatt am Ort. Dort gebe es einen Wagen, den man uns leihen wolle, er könne uns hinfahren. Gesagt, getan.

Wobei eine kleine Anmerkung hier angebracht war: Ich war ganz und gar nicht mehr in der Stimmung, noch mit den drei anderen ein paar weitere Tage zu verbringen. Ich wollte nur noch nach Haus und den Mantel des Vergessens über diese Tage hüllen. Ich stellte mir in kühnen Fantasien vor, wie es wohl wäre, einfach in Rom in den Zug zu steigen und bis nach Düsseldorf durchzufahren. Herrliche Vorstellung, doch soweit kam es nicht.

Ehe wir uns versahen, hatten wir einen Leihwagen. Pläne waren schnell geschmiedet: Etwas nördlich von Rom hatten wir auf der Karte den Lago di Vico ausgemacht, an dessen Ufer wir noch zwei Tage verbringen wollten, bevor wir den Leihwagen zurückgeben und mit dem Zug nach Hause fahren. Das Problem mit dem Schrottauto wollten wir kreativ und spontan lösen. Mir war alles egal, ich begann die Stunden zu zählen, die mich noch von dem Zug in die Heimat trennten.

Man darf sich diesen Leihwagen jedoch nicht vorstellen wie einen scheckheftgepflegten Avis- oder Hertz-Leihwagen, mit gerade mal 5.000 km auf dem Tacho. Dieser Wagen war nur marginal weniger Schrott als der, dem ich auf der Autobahn das Leben ausgehaucht hatte. Doch das merkten wir erst, als wir losgefahren waren. Die Scheinwerfer waren kaputt, ebenso einer der Blinker, und die Scheibenwischer funktionierten auch nicht mehr. Aber wofür braucht man schon Scheibenwischer im August in Italien? Wenn es regnet, natürlich. Wie genau an diesem Tag. Sehr schnell sahen wir nichts mehr durch die Windschutzscheibe.

Wir steuerten eine weitere ACI-Werkstatt an: Kaum, dass wir auf den Hof fuhren, kam der Inhaber wütend auf uns zugerannt und beschimpfte uns, wir sollten sofort den Hof verlassen. Er habe zu und es sei Feiertag. Aber wir haben doch ein Problem mit unserem Auto! Das sei ihm egal, selbst wenn wir der Papst wären, würde er uns heute nicht helfen. Sobald er einem half, wäre sofort der ganze Hof voll und er könne seinen Feiertag vergessen. Der Mann hatte recht: Es dauerte nur wenige Minuten — während wir mit ihm diskutierten –, bis ein weiteres Auto kam, dessen Insassen glücklich waren, eine offene Werkstatt gefunden zu haben. Doch die hatten weniger Glück als wir: Ihnen wollte er nun wirklich nicht helfen. Unseren Argumenten, er sei eine ACI Werkstatt und das hier sei ein defekter ACI Leihwagen und das sei viel mehr sein Problem als unseres, konnte er nicht standhalten und machte sich grummelnd daran, Blinker, Scheinwerfer und Scheibenwischer zu flicken, zumindest so, dass es halbwegs halten würde. Die Kosten dafür trug unsere Reisekasse. Auch nicht das, was man sich von einem Leihwagen erhoffte, aber immerhin hatten wir einen.

Mit dem provisorisch reparierten Wagen ging es nach Norden, zum Lago di Vico und dem Ort San Martino al Cimino, der dort in der Nähe lag. Wir suchten uns einen ungestörten Platz am Ufer des Sees und schlugen mal wieder unser Lager auf.

Dort kam mein persönlicher Tiefpunkt der Reise. Bis dahin war die Stimmung in der Gruppe noch ganz friedlich gewesen, aber hier machte die A. aus ihrem Herzen keine Mördergrube und machte mir harte Vorwürfe, wie unverantwortlich doch mein Verhalten gewesen sei, das Steuer zu übernehmen, wenn ich nicht sicher im Straßenverkehr sei. Ich habe unser aller Leben aufs Spiel gesetzt, sei vollkommen verantwortungslos, und so weiter und so fort. Ich konnte nicht mehr. M. und ich fuhren in den kleinen Ort nördlich des Sees und setzten uns nach dem Einkaufen in ein Café, wo alles aus mir herausbrach. Ich konnte nur noch heulen über die ganze Situation. Ich war noch nie so sehr am Ende meiner psychischen Kräfte wie an diesem Tag. Zum Glück brachte M. viel Verständnis auf, versuchte mich zu beruhigen und sagte, dass wir ja morgen nach Hause fahren würden.

Doch vor der Abfahrt hatten wir noch einige Punkte zu erledigen: Erstens Fahrkarten für die Rückfahrt besorgen, zweitens den Leihwagen zurückgeben und drittens irgendwie an die Nummernschilder des alten Wagens kommen, damit M. sein Auto daheim in Innsbruck abmelden konnte.

Was folgte, war eine der härtesten Nächte meines Lebens.

Wir hatten telefonisch herausgefunden, dass die preiswerteste Rückfahrkarte ein Jugendticket war, das aber ausschließlich von einer einzigen Verkaufsstelle an der Stazione Termini verkauft wurde. Unser Zug nach Innsbruck und für mich weiter bis München fuhr morgens um 07:35 Uhr. Um diese Zeit hatte das Wasteels-Reisebüro aber noch nicht geöffnet, also mussten wir die Karten am Vorabend kaufen. Wir hatten bis 20:00 Uhr Zeit, dann schloss das Reisebüro. Ich erinnere mich nicht mehr an die Details der Autofahrt nach Rom hinein, aber ich weiß noch ziemlich genau, dass wir erst gegen kurz nach acht am Bahnhof waren, doch in einem unerwarteten Anfall von Pragmatismus verkaufte man uns noch einen Satz Fahrkarten für den Eurocity über die Alpen.

Nun sah der Plan für den Rest des Abends wie folgt aus: Wir geben unser Gepäck (besonders meinen Koffer!) am Bahnhof in die Aufbewahrung, vertreiben uns bis ca. 01:00 Uhr die Zeit in Rom, fahren dann mit dem Leihwagen nach San Cesareo. Wir brechen in die Werkstatt ein, in der unser Schrottauto stand, klauen die Nummernschilder, stellen dann dem Leihwagenverleiher den Wagen vor die Tür (Schlüssel steckt), laufen zur Bushaltestelle, wo früh morgens der Bus in Richtung Rom fuhr, fahren mit dem Bus zur Endhaltestelle der U-Bahn, von dort aus zur Stazione Termini, lösen meinen Koffer und die Rucksäcke aus, nehmen um 07:35 den Zug und sind am Nachmittag über alle Berge.

Der Abend in Rom war nett. Wir schlenderten von der Stazione Termini zum Kolosseum, setzten uns in einen Park (von dem mir Jahre später berichtet werden sollte, dass es der gefährlichste Park Roms sei), verfassten einen Brief an den Werkstattbesitzer, mit dem wir ihn höflich baten (so höflich, wie es das rudimentäre Italienisch der A. hergab) unser Auto unter der Hand zu verschrotten. Wir sähen keine andere Möglichkeit. Danke. Außerdem wollten wir eine Flasche Wein im Auto deponieren, um uns ein wenig erkenntlich zu zeigen und zu beweisen, dass wir keine Halunken waren.

In der Nacht die Rückfahrt in den Vorort. Der Plan ging auf: Wir lokalisierten zuerst die Bushaltestelle. Dann fuhren wir zur Werkstatt, M. und A. kletterten über das mannshohe Gittertor auf den Hof, besänftigten die Hunde und kamen ein paar Minuten später mit zwei Nummernschildern zurück. Die K. und ich waren außer uns vor Angst. Dann setzten M. und ich die beiden Frauen an der Bushaltestelle ab, brachten den Leihwagen weg und liefen zu Fuß zurück zu den beiden Begleiterinnen. Nun war es essentiell, am nächsten Morgen nicht den Bus zu verpassen. Wir durften auf keinen Fall den Bus verpassen, der gegen 05:30 losfuhr. Ansonsten würden wir den Zug nicht kriegen und wären einen weiteren Tag in Italien gefangen. Wir hatten allerdings keinen Wecker, also musste jemand wach bleiben. Ich opferte mich. Eine gruselige Nacht. Das leere Feld, das wir in der Nähe der Bushaltestelle ausgemacht hatten, entpuppte sich als wilde Müllkippe. Außerdem erregte unsere Anwesenheit die Aufmerksamkeit sämtlicher Hunde in der Nachbarschaft, und davon gab es viele. Sobald ich mich ein paar Meter auf der Straße bewegte, gab es ein Höllengebell von allen Grundstücken der Straße.

Irgendwie habe ich es geschafft, wach zu bleiben. Wir kriegten den Bus, fuhren mit der U-Bahn zum Bahnhof, erreichten um Haaresbreite den Zug, der zum Glück ein paar Minuten zu spät abfuhr und waren bald über alle Berge.

Als wir über den Brenner waren, gab es ein kollektives Aufatmen. Wir waren den Klauen der italienischen Justiz entronnen! In Innsbruck verließen mich meine Mitreisenden. Sie waren am Ziel, ich hatte noch eine längere Tour vor mir. Ich hatte keine Ahnung, ob ich in München noch einen Zug in Richtung Rheinland kriegen würde, oder ob mir noch eine Nacht auf dem Bahnhof drohte.

Gegen 18 Uhr war ich in München und erreichte knapp und ausgehungert den letzten IC in Richtung Norden. Ich muss furchtbar ausgesehen haben, als ich den Speisewagen aufsuchte, um die erste Mahlzeit seit knapp 24 Stunden einzunehmen. Der Speisewagen hatte zwar schon geschlossen, doch als der freundliche Mitropa-Mitarbeiter mich sah, drückte er mir verängstigt seine letzten trockenen Brötchen in die Hand: „Nimm die (aber lass mich leben)“ muss er sich gedacht haben.

Ankunft zu Hause am 18.08., morgens um 02:42 Uhr. Meinen Eltern war die Ankunft des verlorenen Sohnes telefonisch avisiert worden und sie holten mich vom Zug ab. Ganz lieb.

„Was machst Du?“, fragte meine Mutter kopfschüttelnd, als ich ihr um den Hals fiel.

Epilog:
Die K. und die A. habe ich nie wieder gesehen. Cousin M. und ich waren nach dieser Tour so dick befreundet wie vorher, allerdings hat es bis 2006 gedauert, dass wir wieder gemeinsam in Urlaub gefahren sind. Übrigens wieder nach Italien, für mich auch das erste Mal seit 1991. M. konnte sein Auto abmelden und niemand hat je wieder etwas aus Italien gehört. Kurz darauf wurden die Benzingutscheine abgeschafft. Ich kann mir denken, warum.

Italienische Reise (Teil 2)

Am Abend des 4. August, nach dreieinhalb Tagen Reise seit dem Aufbruch in Innsbruck, erreichten wir Tropea, einen Ferienort an der Küste der kleinen Ausbuchtung auf der Fußoberseite des italienischen Stiefels. Hier wollten wir hin. Nun konnte die Suche nach einer Ferienwohnung beginnen. Ich sehnte mich nach einer Dusche, einem Bett und der Erholung, die ich mir von diesem Urlaub erhofft hatte.

Doch zweierlei hielt mich von diesem Ziel ab: Erstens warteten mitten im August kein einziger Vermieter mit freien Apartments auf eine Handvoll Urlauber, man war flächendeckend ausgebucht. Außerdem hatte M. den beiden anderen keineswegs etwas von Ferienwohnung, ausspannen etc. erzählt. Die A. und die K. waren von vornherein davon ausgegangen, dass es sich um eine Reise mit genau einem Ziel handelte: Dem Weg. Möglichst weit kommen. Keinesfalls Geld für Übernachtungen ausgeben; das Geld viel lieber in Restaurants lassen, die eher über dem sonstigen Niveau unserer Reise lagen. Ich war, nicht zum ersten Mal in diesen Tagen, überstimmt. Kein Wunder, dass die drei so über meinen Koffer amüsiert gewesen waren. Nicht gerade das ideale Gepäck für einen solchen Urlaub.

Aus Rache über die verwehrte Herberge hinterließen wir den Einwohnern und Gästen von Tropea eine Menge Lärm. Größere Teile unseres Auspuffs hingen nur noch zur Zierde unter dem Wagen; unser kleiner Fiat Bronski machte mittlerweile Krach wie ein ganz Großer, auch wurde es auf der Rückbank recht warm.

Ich fand mich mit meinem Schicksal ab und beschloss, wenn wir schon weiter nach Süden fahren wollten, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen und mich bei Gelegenheit von der Gruppe abzusetzen und mich in die Obhut meiner Freundin D. und ihrer Tante zu begeben. Dort ein paar Tage zu verbringen und später gemeinsam mit den anderen wieder nach Österreich zurück zu fahren.

Die Nacht verbrachten wir am Meer. In einer abgeschirmten Bucht, die man nur über einen steilen Fußweg erreichen konnte, der an einigen verlassenen Bungalows entlangführte. Das Auto ließen wir oben an der Straße stehen. In der Bucht, die von steil aufragenden Felsen eingefasst war,schlugen wir unser Lager auf. Um nicht dem Wind ausgesetzt zu sein, legten wir uns hinter eine Reihe größerer Felsen. Es hätte eine ruhige und beschauliche Nacht werden können. Doch daraus wurde nichts. Des Nachts wachte ich von Geräuschen auf. Ich lugte über die Felsen auf den Strand und sah dort eine Gruppe von Menschen stehen. Das Geräusch, das mich geweckt hatte, stammte von einem Motorboot, das sich dem Strand näherte.

Ich habe bis heute keine Ahnung, was das für eine Transaktion war, die dort, wenige Meter von unserem Schlafplatz entfernt statt fand, aber es kann nichts Einwandfreies gewesen sein, was dort übergeben wurde, bevor sich das Boot wieder entfernte und die die anderen Gestalten über den Fußweg vom Strand verschwanden. Die anderen haben durchgeschlafen, und um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, habe ich sie auch nicht geweckt. Selten hatte ich in meinem Leben soviel Angst wie in dieser Nacht.

Schnell weg. Weit weg. Am nächsten Morgen über Reggio di Calabria nach Villa San Giovanni, mit der Fähre nach Messina und von dort aus schnell weiter nach Milazzo. Wir wollten von dort aus weiter zu den Äolischen Inseln, genauer gesagt nach Stromboli. Auf der Vulkaninsel wollten wir es uns ein paar Tage gut gehen lassen: Nicht mehr soviel fahren, das Auto war mittlerweile eher schwer zu beherrschen und nach den vielen Kilometern von Tirol bis zur Südspitze Italiens brauchten wir alle mal ein paar Tage ohne den Fiat.

Wir übernachteten in der Nähe von Milazzo an einem Strand mit Blick auf die beleuchtete Stadt. Entflammt von dieser romantischen Szenerie versuchte ich, mich um meine designierte Partnerin A. zu kümmern. Wir hatten uns bislang ja ganz gut verstanden und da M. und K. schon heftigst miteinander turtelten, sah ich keinen Grund, dass dieser romantische Funken nicht auch zwischen A. und mir überspringen sollte. Doch sie sah das offenbar anders und verwehrte meinen Avancen den Erfolg. Ich sah meine Chancen, entjungfert aus Italien zurückzukehren, schwinden. Verdammt.

Vor der Abfahrt mit der Fähre in Richtung der Insel Lipari und von dort aus weiter in Richtung Stromboli sahen wir uns mit einem logistischen Problem konfrontiert, in dessen Zentrum — mal wieder — mein Koffer stand. Mein Plan war, nach wenigen Tagen von Stromboli zu verschwinden und den lang ersehnten Besuch bei der Freundin D. zu beginnen — sozusagen Urlaub vom Urlaub zu machen. Dazu passte mein Reisegepäck gar nicht, den Koffer konnte ich unmöglich mit auf die Insel nehmen, da wir auch dort nicht in einem Zimmer, einer Pension, einem Hotel oder einer Ferienwohnung übernachten wollten, sondern am Strand. Was könnte schließlich romantischer sein? Wobei ja meine romantischen Ambitionen mit der Nichterwiderung durch die A. weitgehend zum Erliegen gekommen waren. Die K. war zwar scharf, aber besetzt. Der M. ließ keinen Zweifel aufkommen, dass er seine Jungfräulichkeit in Italien zu verlieren gedachte. Da blieb nicht viel übrig.

Doch zurück zu dem Koffer-Problem: Wir lösten es so, dass ich meinen Daypack für einen mehrtägigen Aufenthalt packte, der Koffer blieb im Auto. Wir verabredeten, dass ich bei der Rückkehr nach Milazzo den Koffer aus dem Auto nehmen und den mir übergebenen Autoschlüssel (wir hatten nur einen einzigen) an einer geheimen Stelle verstecken sollte: Im Auspuffrohr, das dadurch wenigstens wieder einen Zweck erhielt. Die anderen finden wiederum bei Ihrer Rückkehr einige Tage später den Schlüssel an der geheimen Stelle vor, sofern das vorher noch kein anderer getan hat. In diesem Fall würden sie weder Schlüssel noch Auto vorfinden, falls sich jemand dieser Schrottkarre erbarmen sollte.

Am Nachmittag des 6. August erreichten wir Stromboli. Die Sonne stand schon angenehm tief, als wir uns nach einem feinen Essen in einem Restaurant am Strand auf die Suche nach einem Schlafplatz machten. Wir gingen immer weiter vom Ort weg über den schwarzen Sand des Strandes, bis wir eine einsame schöne Ecke gefunden haben: am Ende einer Bucht, die Felsen hundert Meter entfernt luden zum Klettern ein. Das Wasser war klar und der vulkanische Sand war angenehm warm. Hier schlugen wir unser Lager auf.

Der nächste Tag wartete mit einigen Überraschungen auf: Erstens haben wir uns genau an dem Stück Strand niedergelassen, das uns am Tag vorher vom Kapitän der Fähre als „Höhö, sehen Sie mal da auf den Strand, da rennen die Nackedeis rum“ gezeigt wurde. Ein Nudistenstrand. Seufz, dann auch das. Ich bin kein Fan von Freikörperkultur, aber die Leute um einen herum schauen schon ein wenig seltsam, wenn man sich dem nicht anschließt. Also runter mit den Klamotten. Zweitens gab es einen Grund dafür, dass der Sand des Strandes noch bis in den kühlen Abend hinein so angenehme Wärme abgab. Er wurde tagsüber einfach unerträglich heiß und speicherte diese Wärme. Ist ja auch klar: schwarzer Sand, viel Sonne: heiß. Sehr heiß. So heiß, dass es nicht viel Spaß macht, sich von seinem Handtuch wegzubewegen. Autsch.

Am späten Nachmittag erkundete ich die Felsen am Ende des Strandes. Ich kletterte ein wenig herum und fand tatsächlich eine schöne Stelle, an der ich mich zum Lesen niederließ. Dem Meer zugewandt war ich zum Strand hin durch einen Felsen optisch abgeschirmt. Etwas später kam ein Pärchen an den Strand, das sich in einiger Entfernung zu unserem Camp in der Nähe meines Felsens niederließ. Die beiden wähnten sich abgeschieden. Ausreichend entfernt von den Touristen fingen sie an zu fummeln; allen Regeln des guten Anstands folgend vertiefte ich mich weiter in mein Buch und bemühte mich, nicht hinter meinem Felsen hervorzuschauen. Bis ich zum Essen gerufen wurde. Ich versuchte, in möglichst großen Abstand und gemessenen Schrittes an den beiden vorbeizugehen, ohne hinzuschauen, was die beiden da machten. Wem war das unangenehmer: dem poppenden Pärchen am Strand oder mir? Wenn Blicke töten könnten, hätte ich heute keine Gelegenheit, das alles aufzuschreiben.

8. August. Eine Woche ungeduscht und unrasiert. Der Tag des vorläufigen Abschieds war gekommen. Ich packte meine Sachen zusammen, verabschiedete mich für die nächsten fünf Tage und ging in Richtung Fähre. Die Fahrt im Tragflächenboot zurück nach Milazzo fühlte sich an wie eine Reise im Orient-Express. Schierer Luxus. Ein bequemer Sessel. Toll.

In Milazzo dann folgende Szene: Junger Mann geht geht mit einem Rucksack und einer Kameratasche zu einem abgestellten Auto, öffnet den Kofferraum, entnimmt einen Koffer, legt etwas ins Auspuffrohr und entfernt sich vom Auto. Ob sich jemand darüber gewundert hat? Sah bestimmt komisch aus. Die Reiseverbindung mit dem Zug hatte ich schon vorher rausgesucht: Umsteigen in Messina, aber das würde ich auch noch hinkriegen.

Ab dann begannen fünf wunderbare Tage. Die liebe D. holte mich in Catania vom Bahnhof ab, nahm mich mit ins Haus ihrer Tante nach Mascalucia und nach einer Woche unterwegs unter hygienisch nicht ganz einwandfreien Bedingungen konnte ich unter dem Dreck und der Gesichtsbehaarung jemanden hervorholen, der mir einigermaßen ähnlich sah. In einem Bett zu schlafen kann so himmlisch sein.

Den genauen Verlauf dieser Tage will ich hier gar nicht im Detail wiedergeben. Wäre auch nicht so spannend, es war ein hervorragender Urlaub an der Ostküste Siziliens, mit allem, was man sich dort so anschaut: Catania, Taormina, Gole dell’Alcantara und einer Zugfahrt mit einer Bimmelbahn rund um den Ätna.

Fünf Tage später, am 13. August kam die Reisegruppe, um mich abzuholen. Der Abschied war schwer, nicht nur, weil ich D. bis zum nächsten Sommer nicht mehr sehen sollte, sondern auch, weil ich kaum Lust hatte, eine weitere knappe Woche auf dem Rückweg nach Innsbruck mit den drei anderen und dem kaputten Auto zu verbringen. Zumal alles, was ich auf dieser Tour bisher erlebt habe, erst das Vorspiel für den letzten Akt gewesen sein sollte.

(Teil 3)

Italienische Reise (Teil 1)

Es war ein anstrengender Frühsommer gewesen. Alles hatte sich in den ersten Monaten des Jahres 1991 um das frisch erworbene Abitur gedreht, und auch, wenn ich für die Prüfungen nicht ganz soviel gelernt hatte, wie allgemein empfohlen wird, hat dieses Ereignis sein Tribut gefordert: Die Chefredaktion und Produktionsleitung der Abi-Zeitung lag bei mir, ebenso war ich in die Organisation der Feierlichkeiten zur Zeugnisübergabe eingebunden. Dazwischen viele Partys, Abende in der Altstadt und die Gewissheit im Kopf, dass nun ein sehr langer Lebensabschnitt zu Ende gegangen war.

Da kam es mir gerade recht, als der Cousin M. mit der Idee aufwartete, gemeinsam für drei Wochen nach Italien zu fahren. Nach Süditalien, um genauer zu sein. Dort, irgendwo zwischen Neapel und der Stiefelspitze habe er von einem Ferienort gehört, an dem es sich ganz hervorragend aushalten lasse. Genau das, was ich brauchte. Ein Urlaub zum Entspannen. Hervorragend. Die A. wolle auch mitkommen. A. ist die Cousine meines Cousins, die nicht meine Cousine ist (Für die ganz Spitzfindigen: Sie ist auch nicht meine Schwester, sondern von der anderen Seite her mit meinem Cousin verwandt). Ich kannte sie noch nicht, aber M. versicherte mir, dass sie eine umgängliche Person sei. Bisher mochte ich alle Freunde von M. sehr gerne und ich hatte keinen Zweifel daran, dass das prima würde. Ganz verlockend war für mich auch die Vorstellung, die Schulfreundin D. wieder zu sehen, die einige Wochen zuvor zu einem einjährigen Italienaufenthalt nach Sizilien aufgebrochen war. In der Nähe von Catania wollte sie bei einer Tante das Jahr nach dem Abitur verbringen. Vielleicht sollte sich ja die Gelegenheit ergeben, ein paar Tage miteinander zu verbringen.

Voller Vorfreude saß ich mit meinem Hartschalenkoffer am 31.07. am Düsseldorfer Hauptbahnhof und wartete auf den Zug, der mich über Nacht nach Innsbruck bringen sollte. M. lebte in Innsbruck und von dort aus wollten wir mit seinem Auto gen Süden aufbrechen. Große Wiedersehensfreude am nächsten Morgen um halb sieben, als M. und ich uns um den Hals fielen. Doch für große Wiedersehensfeierlichkeiten hatten wir keine Zeit: Gegen Mittag sollte es losgehen und es mussten noch ein paar Dinge erledigt werden. Das Wichtigste war der Besuch beim ÖAMTC, um dort Benzingutscheine zu kaufen.

Benzingutscheine waren eine italienische Subventionsmaßnahme für Touristen, bei der es jedem Verfechter eines offenen, europäischen Marktes kalt den Rücken herunterläuft. Italien war traditionell ein Hochpreisland für Kraftstoffe. Um aber trotzdem Touristen ins Land zu locken, konnte man im europäischen Ausland über die Automobilclubs zu einem günstigen Preis ein Gutscheinheft kaufen, dass es einem erlaubte, in Italien zu nicht-marktüblichen Preisen zu tanken. Man bezahlte das Benzin vorab im Ausland und händigte dem Tankwart einen Gutschein aus, den er wiederum mit irgendeiner Organisation verrechnen konnte. Obskur, aber Anfang der Neunziger Jahre durchaus noch eine übliche Sache. Außerdem war im Preis des Gutscheinhefs noch eine Unfallversicherung inbegriffen.

M. eröffnete mir an diesem Morgen, dass nicht nur die A. mitfahre, sondern auch die K., die er kurz zuvor kennen gelernt habe und die er spontan eingeladen habe, mitzufahren. Sie sei ein tolles Mädchen und würde unsere Reisegesellschaft bereichern und die Reisekasse entlasten. Au, das war gut. Zwei Jungs, zwei Mädchen: Ich begann mir sofort auszumalen, wann, wo, wie und mit wem ich in diesem Urlaub meine Unschuld verlieren würde. Um die Verteilung der Mädels würde es auch keinen Streit geben, denn das M. auf seine Cousine scharf war, konnte ich mir nicht vorstellen. Perfekt.

Etwas unglücklich schien M. aber zu sein, als er mein Reisegepäck sah: Kein Rucksack, den man leicht transportieren konnte, sondern ein gut gefüllter Koffer. Immerhin hatte ich einen Schlafsack dabei und einen kleinen Rucksack für den Tagesgebrauch. Wir würden ja nicht direkt nach Süditalien fahren, sondern uns auf dem Weg über die Landstraßen ein wenig Zeit lassen, um Land und Leute kennenzulernen und zu genießen (Toskana! Umbrien!). Außerdem könne man so die Maut für die Autostrada sparen.

Das Auto hatte er vor nicht allzu langer Zeit in der Werkstatt gehabt. Es seien zwar noch Winterreifen drauf, aber das sei nicht so schlimm, man könne, dürfe und wolle ja ohnehin nicht so schnell fahren. Es war das erste Auto meines Vetters. Ein Fiat 131, ein Modell, das Mitte der Siebziger Jahre gebaut worden war. Ein kleines Problem gebe es aber schon mit dem Wagen, sagte M.: Er habe keinen TÜV mehr und die Kulanzfrist von drei Monaten sei auch gerade abgelaufen. Wenn wir also beim Überqueren des Brenners an der Grenze Probleme kriegen sollten, müssen wir uns etwas einfallen lassen. Wir waren jung und kreativ und voll guter Dinge.

Abfahrt am 1. August gegen 14 Uhr in Innsbruck. Der Fiat 131 war voll gepackt mit vier Reisenden und dem Gepäck. Nicht nur der Hartschalenkoffer war ein wenig unhandlich, sondern auch meine Tasche mit der Spiegelreflexkamera und den drei Objektiven, die zu dieser Zeit niemals von meiner Seite wich. Die Stimmung war hervorragend, wir waren hungrig auf Erfahrungen und ich freute mich auf die Ferienwohnung, die wir, so M., zwar noch nicht gebucht hatten, aber garantiert am Ziel unserer Reise, in Capo Vaticano, vor Ort finden würden.

Entgegen unserer Erwartungen war die Ausreise aus Österreich mit unserem Auto kein Problem. Die italienischen Grenzer nahmen auch keinen Anstoß an unserem Fahrzeug. Ab dem Brenner ging es nur noch bergab, bis zur Po-Ebene. Den ersten italienischen Kaffee haben wir in Trient getrunken, von dort aus fuhren wir weiter in Richtung Süden: Bis zum Abend wollten wir in der Toskana sein. Aber nicht in Florenz, sondern in Siena. Und dort abends essen und irgendwo übernachten.

In Siena angekommen suchten wir uns keineswegs eine Pension oder ein Hotel — es wurde schnell befunden, dass wir uns ja auch mit Schlafsäcken und Isomatten irgendwo auf eine Wiese legen könnten. Es war schließlich Anfang August und schlafen unter dem Sternenhimmel der Toskana ja auch irre romantisch. Ich war nicht begeistert von der Idee, aber für eine oder zwei Nächte geht das ja auch, dachte ich, schließlich sind wir ja in spätestens zwei Tagen in einer Ferienwohnung. Ein Zelt wäre schön gewesen, aber so etwas hatten wir nicht.

Am nächsten Tag brachen wir auf und fuhren über Landstraßen durch Toskana und Lazio in Richtung Rom. Die tolle Landschaft, ein verlassenes Haus am Straßenrand, das uns ein wenig Schatten spendete und jede Menge Spaß mit einer saftig-triefenden Honigmelone am Mittag ließen mich die brütende Hitze vergessen. Es war ja auch nicht mehr weit bis zum Lago di Bolsena, an dem wir uns ein wenig abkühlen wollten.

Ärgerlich nur, dass wir zwischendurch eine Werkstatt aufsuchen mussten, da unser Auto eine Macke hatte: Bei Geschwindigkeiten ab 80 km/h fing die Lenkung an zu schlackern, doch bei 110 hörte das schon wieder auf, konnte sich also nur um eine Kleinigkeit handeln. Der Mechaniker, dem die A. unser Problem in radebrechendem Italienisch zu erklären versuchte, schob es auf die Winterreifen. Dann muss man halt das Steuer ein wenig fester anfassen. Dem Auto konnte man aber auf keinen Fall böse sein: Schließlich hatte es einen schönen Namen: Fiat Bronski. Die kleine Stoffente, die am Rückspiegel baumelte, hieß Leo Breschnew und wie sollte ein Auto sonst heißen, in dem ein Russe wohnte? Dass die Karre unterwegs ein wenig lauter wurde, lag bestimmt am Auspuff, störte aber auch nicht weiter.

Rom ließen wir links liegen, ab dort wollten wir über die Autobahn weiter nach Süden. Caserta soll ein schönes Schloss haben, das wollten wir sehen und dann irgendwo zwischen Caserta und Neapel am Wegesrand übernachten. Für eine Besichtigung des Schlosses war es zu spät, wir fuhren dran vorbei und suchten auf der Straße nach Neapel eine passende Stelle, um unser Nachtlager aufzuschlagen.

In unserer romantischen Vorstellung von Italien (Toskana! Umbrien! Unberührte Strände!) kam ein Konzept wie „Ballungsgebiet“ nicht vor. Dass es aber auch im ländlichen Süden von Italien nicht alle paar Kilometer eine lauschige Wiese mit Bach und einigen Bäumen gab, stellten wir fest, als wir die 40 Kilometer zwischen Caserta und Neapel durch Wohngebiete, Industriegebiete und gelegentlich an einem Feld vorbeifuhren. Man hatte bei der Besiedlung dieses Landstrichs offenbar nicht an Jugendliche gedacht, die hier wild campen wollten.

Ehe wir uns versahen, fuhren wir durch das spätabendliche Neapel. Müde und ausgelaugt sollte man nicht sein, wenn man das erste Mal durch diese Stadt fährt und auf die harte Weise die örtlichen Verkehrsregeln zu verstehen sucht. M. hatte Nerven aus Stahl und fuhr uns zu einem großen, leeren Parklatz, auf dem in der Mitte ein paar Büsche gepflanzt waren. Nicht ideal für uns, nicht meine Vorstellung einer bequemen Nacht, aber was soll’s? Wir waren noch maximal einen Tag von dem sagenumwobenen Ort entfernt, an dem es vor Apartments mit Blick auf das Mittelmeer nur so wimmeln würde.

Ich blieb zur Bewachung des Gepäcks im Auto und übernachtete auf der Rückbank. Um nicht zu ersticken, hatte ich das Fenster heruntergekurbelt. Durch eben dieses Fenster zog in der Nacht jemand an meinem Schlafsack. Ich wurde wach und fragte den jungen Mann, der vor dem Auto stand, was er wolle. „You have cigarette?“ fragte er. Nein, habe ich nicht, gute Nacht. Wenig später zog es wieder an meinem Schlafsack: Der gleiche Typ. Offenbar wollte er gar keine Zigarette, sondern meinen Schlafsack klauen, in dem ich gerade schlief. „You have cigarette?“ „No, fuck off!“.

Die Nacht endete früh, als die Busse kamen. Der leere Parkplatz war keineswegs ein einfacher Parkplatz, sondern so etwas wie der zentrale Busbahnhof, und als an diesem Samstag morgen die Busfahrer lautstark ihren Platz reklamierten, brachen wir hektisch auf, in Richtung Pompeji. Die Ruinenstadt wollten wir uns ansehen. Allerdings gingen hier die Vorstellungen innerhalb unserer Gruppe weit auseinander, wie dieses bewerkstelligt werden sollte. Meine Vorstellung: Auto in der Nähe des Eingangs abstellen, Am Eingang den Eintritt bezahlen und die Ruinen anschauen. Die Vorstellung der Mitreisenden: Auto etwas weiter entfernt vom Eingang abstellen, eine unbeobachtete Stelle finden, über den Zaun klettern und den gesparten Eintritt in einem Restaurant auf den Kopf hauen. Überstimmt.

Blöderweise hatte ich meine Zahnbürste im Auto gelassen, sodass ich, um zumindest einen Mindeststandard an Hygiene aufrecht zu erhalten, bei dem freundlichen Toilettenwärter für 2000 Lire eine nicht-verpackte Zahnbürste kaufen musste. Fragt mich einfach nicht, warum ich das getan und sie auch noch benutzt hatte. Mich schüttelt es heute noch, wenn ich dran denke. Der Rest von Pompeji (wörtlich!) war beeindruckend.

Wir waren nur noch eineinhalb Tage von der mittlerweile schwer ersehnten Ferienwohnung entfernt. Was uns noch davon trennte, war eine landschaftlich aufregende Fahrt durch die Campania und entlang der calabrischen Küste. Wir hätten vielleicht auch etwas kürzer gebraucht, wenn unser Kartenmaterial über eine einfache Autobahnkarte hinausgegangen wäre. Sich über Landstraßen dem Ziel zu nähern, funktioniert ohne Karte solange gut, solange die Straßen gut ausgeschildert sind. Am eigenen Leib erfuhren wir das Nord-Süd Gefälle Italiens. Im Norden war die Straßenbeschilderung kein Problem. Hier unten, südlich von Neapel, wusste man, wo man langfahren muss, um ans Ziel zu gelangen. Wenn nicht, hat man halt Pech gehabt.

A propos Gefälle: Das gab es auch reichlich. Direkt neben der Straße, die Steilküste runter. Auf der Küstenstraße, die wir uns mit vielen großen LKW teilten. Genau die Straße, auf der die K. darauf bestand, ihre ersten Fahrerfahrungen zu machen, seit sie in derselben Woche den Führerschein bestanden hatte. In einem, um zu rekapitulieren, alten Auto, dem ich immer weniger traute, da die Lenkung immer schwerer zu beherrschen war. Dass das Auto mittlerweile auch unerträglich laut war, weil der Auspuff nur noch an einem seidenen Faden hing, störte uns wahrscheinlich weniger als die Leute, durch deren kleine und romantische Bergdörfer wir fuhren.

(Teil 2)

Meine Pauschalreisenentjungferung

Soweit ich mich zurückerinnern kann, waren meine Urlaube immer selbst organisiert. Seien es die Schulferien in unserem Haus in der Eifel, seien es die Reisen zur Freundin meiner Mutter nach New York, die Ferien mit meinem Cousin oder die etwas entfernteren Touren der letzten Jahre zu den Freunden, die es über den Globus verteilt hat: Nie habe ich mich darauf verlassen müssen, dass irgendein Reiseveranstalter mich in ein Flugzeug steckt, mich in ein Hotel verfrachtet und mir dort dreimal am Tag Lebensmittel in den Mund schiebt.

Nur ein einziges Mal, vor mittlerweile gut fünf Jahren, habe ich eine Form des Urlaubs gewählt, die für viele, viele Mitmenschen das normalste der Welt ist: Eine Pauschalreise.

Ende September 2001 war ich fertig mit der Welt. Mein dreißigster Geburtstag stand kurz vor der Tür, die westliche Welt wetzte die Waffen, um in Afghanistan nach den Verursachern von 9/11 zu suchen, der Arbeitgeber begann den langsamen aber stetigen Weg in die wirtschaftliche Misere und mein Tinnitus fing an, mich richtig zu ärgern. Ich hatte noch zehn Tage Urlaub und das dringende Gefühl, eine kurze Auszeit zu brauchen.

Im Reisebüro an der Fuhlsbüttler Straße erkundigte ich mich nach Last-Minute-Reisen. Die Verkäuferin zeigte auf die Wand voller Kataloge hinter sich, lächelte siegessicher und stellte zwei Fragen: Wohin soll’s gehen und wieviele Personen? Wohin war mir weitgehend egal, für eine Person bitte. Als ob das Single-Leben nicht schon an sich ausreichend von Härte geprägt ist, verwandelte sich ihre Miene in Mitleid, als sie sagte, dass sie mir, nun, nicht mehr ganz soviel anbieten könne. Genauer gesagt hatte sie noch zwei Angebote für den Zeitraum.

Eine eher für Jugendliche ausgelegte Ferienanlage auf Zypern sprach mich nicht so sehr an, das Hotel in Lagos an der Algarve schon eher. Da wollte ich sowieso mal hin. Allein zu reisen machte mir nichts aus, in einem solchen Urlaub lernt man ja sicher ein paar Leute kennen, mit denen man etwas unternehmen kann.

Etwas ungewohnt war dann das Gutscheinheft, das ich einige Tage später per Post erhielt. Kein Flugticket? Nur so ein Teilnahmebestätigungswisch? Na gut, solange die mich mitnehmen. Aber was, zwei Stunden vorher da sein? Ach Hilfe, ja, ein Charterflug.

Bei der Ankunft in Faro war ich etwas überfordert: Diese ganzen Reisebusse, die auf darauf warteten, dass sich die Touristen auf sie verteilen. Bislang haben mich immer Freunde vom Flughafen abgeholt, oder ich bin mit öfffentlichen Verkehrrsmitteln weitergereist. Ob der Fahrer weiß, dass er mich zu meinem Hotel bringen muss? Und woran erkenne ich das Hotel?

Das Hotel hat mich im ersten Moment doch etwas geschockt. Die Ausstattung entsprach nicht ganz dem, was ich von den Business-Hotels gewohnt war, die ich bisher kennengelernt hatte. Und sonst hatte ich ja noch nie meine Ferien in einem Hotel verbracht. Kein Fernseher? Hmpf. Eine total durchgelegene Matratze? Und der seitliche Meerblick war schon sehr seitlich. Alles in allem aber nichts, woran ich mich nicht gewöhnen konnte.

Ganz, ganz furchtbar hingegen war die Erkenntnis, dass meine grundlegende Annahme falsch war, hier irgendwelche Leute kennenzulernen, um nicht zehn Tage allein herumlaufen zu müssen. Die Hotelgäste bestanden zum größten Teil aus Familien mit Kindern und einigen Pärchen, die ungefähr in meinem Alter waren. Irgendwelche anderen allein Reisenden? Fehlanzeige.

Wenn man wirklich wissen will, wie es sich anfühlt, wenn andere Leute einen für einen Aussätzigen seltsamen Vogel halten, muss man nur morgens allein in den Speiseraum eines solchen Ferienhotels kommen. „Seltsamer Vogel“ ist noch freundlich augedrückt. Offenes Misstrauen trifft die Stimmung eher. Da war ich als Pauschalreisen-Newbie den Profis im Gewerbe natürlich hoffnungslos ausgeliefert: Was komme ich auch auf die blöde Idee, allein Urlaub zu machen. Da muss man ja entweder einen an der Klatsche haben oder aber eine fiese, ansteckende Krankheit. Solche oder ähnliche Gedanken unterstelle ich den Mitreisenden, denn ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemand mal angelächelt hat.

Habe mir dann nach zwei Tagen doch ein Auto gemietet, um so wenig Zeit wie möglich in dem Hotel zu verbringen. Dabei festgestellt, dass die Algarve ein wunderschöner Landstrich ist. Wäre nett gewesen, wenn ich mich auch mal mit jemanden hätte unterhalten können. Die einzigen Konversationen dieses Urlaubs waren tägliche Begrüßung und Verabschiedung an der Rezeption, mal eine halbe Stunde vor dem Fernseher im Gemeinschaftsraum mit einem Engländer (der meinte, wir Deutschen sollen uns mit dem Zweiten Weltkrieg nicht so anstellen, das sei ein Aussetzer gewesen, ansonsten seien wir doch prima drauf) und das schottische Ehepaar, an dessen Tisch ich mich am letzten Abend im kleinen Restaurant um die Ecke gesetzt habe.

Gerettet hat mir die Zeit K., die ich einen Tag in einem Nachbarort besucht habe, wo ihre Eltern eine Ferienwohnung haben. Da hatte ich endlich mal jemanden, um ein paar Reiseerfahrungen auszutauschen.

Fazit: So einen Urlaub nie, nie, nie wieder allein machen. Dann lieber Backpacking irgendwo, wo viele andere Leute allein unterwegs sind oder sich zumindest nicht so komplett einigeln in ihrer Zweisamkeit und etwas aufgeschlossener sind.

Aus meinem Reisealbum (nicht!)

Fröhliche Rikschafahrt in Durban

Politisch korrekter Tourismus ist diese „fröhliche Rikschafahrt in Durban“ nicht, aber als dieser Südafrika-Reiseführer in den Sechziger Jahren erschienen ist, hat man sich um solche Details ja ohnehin noch keine großen Gedanken gemacht.

Habe die Traumschiff-Folge über Botswana dann doch nicht gesehen. Schade. Aber danke für die erleuchtenden Kommentare. Finde ich putzig, einen ca. dreistündigen Flug als einen Landausflug zu deklarieren.

Traumschiff Botswana

Heute im ZDF, der „Tipp des Tages“: Das Traumschiff. Reiseziel heute: Botswana. Die Familie und ich haben beim Frühstück überlegt, wie das gehen soll. Habe Probleme, mir vorzustellen, wie das Traumschiff dort anlegen möchte. Beim letzten Mal, als ich das überprüft habe, hatte Botswana keine Hafenstadt. Aber vielleicht hat das Zweite ja etwas besser hingeschaut.

Bad mit Blick auf Manhattan

Fernweh

Fernweh? Wer, ich?