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Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck am Millerntor

Nun isses passiert. Seit Donnerstag bin ich stolzer Besitzer einer Dauerkarte für den FC St. Pauli. Stehplatz Gegengerade. Wow. Hätte mir das jemand vor einem Jahr gesagt, hätte ich mir dezent an die Stirn getippt und den jemand als ein wenig weich im Kopf erklärt.

Bei den alten Freunden im Rheinland werden sich vielleicht wieder Gerüchte entspinnen, ob eine (und wenn ja: welche) Frau dahinter steckt und ich werde wieder erklären müssen, dass das wirklich gar nicht der Grund für die plötzliche Fußballbegeisterung ist. Weiß auch nicht, woher das kommt, und ich wundere mich auch ein wenig über mich selbst. Über Jahre hinweg hat mich Fußball gar nicht interessiert — klar, die gelegentliche WM oder EM habe ich schon miterlebt und auch ein wenig Bundesliga im Radio gehört — aber ins Stadion gehen? Das war schon wegen der Lautstärke nicht drin.

Dann aber kam im August letzten Jahres die gute alte Fortuna zum HSV II, und der Kumpel H. mit der seltsamen Vorliebe für die holländische Nationalmannschaft hat mich mal mit zu St. Pauli genommen. Pokal-Achtelfinale gegen den VfL Bochum. 4:0 haben wir den Spitzenreiter der zweiten Liga vom Platz gefegt. Wenn man an einem Abend viermal den „Song 2“ hört und die Atmosphäre am Millerntor unter dem Dach der Gegengerade auf hervorragenden Sitzplätzen mitbekommt, kann man sich schon als angefixt bezeichnen.

Dann ging’s schnell: Fortuna in Berlin gesehen, mit St. Pauli zum Auswärtsspiel in die AOL Arena gefahren und dann das Pokalspiel gegen Hertha. Kann mich nicht an ein so spannendes Fußballspiel erinnern. Danach ging’s schnell: Rückrundendauerkarte mit Pokalvorkaufsrecht, Bremen, Bayern und einige Meisterschaftsspiele.

Nun der Sprung von der Nordkurve in die Gegengerade. Bin sehr gespannt auf die nächste Saison.

Zwischenstand nach zwei Spieltagen

Fußball WM im eigenen Land. Dem Rausch kann man sich kaum entziehen. Zwar habe ich keine Deutschlandfahne am Fenster befestigt und hätte ich ein Auto, hätte es sich keine Flaggen oder Wimpel an den Seitenfenstern, mit denen jeder blöde Opel aussieht wie aus dem Fuhrpark des Auswärtigen Amtes entliehen. Doch die Begeisterung hat gereicht, dass ich mich in höchst geselliger Runde am Freitag abend mit verschiedenen Perücken, einer Blumengirlande und einem Filzhut geschmückt auf der Terrasse des Meisenfrei in Eimsbüttel aufhielt. Das war die Bewährungsprobe, ob ich nächstes Jahr den Karneval aushalte.

Die WM wurde eröffnet vom freundlichen Sparkassenverbandspräsidenten a.D. Herbert Köhler, der mit salbungsvoller Stimme die Welt zu Gast bei Freunden willkommen hieß. Schwäbelte er weniger, könnte man denken, dass es der Papst war, der den Weg aus Rom nach München gefunden hat, der Tonfall war sehr ähnlich.

In einer der WM Städte zu wohnen, ist schon ein tolles Gefühl. Man sitzt in der Kneipe und schaut sich Argentinien gegen Elfenbeinküste an und weiß, dass das Spiel nur ein paar Kilometer entfernt statt findet. Eine halbe Stunde nach Spielende übernimmt eine aus dem Stadion kommende Gruppe Argentinier das Regime im Laden. Große Stimmung.

Ich gebe ja zu, dass sich meine Begeisterung im Vorfeld der WM in Grenzen gehalten hat. Der ganze Kommerz und die feudalistische FIFA gingen mir schwerst auf die Nerven. Doch nun, da die Spiele laufen und die ausländischen Gäste tatsächlich im Land sind, weht eine ganz besondere Stimmung durch die Stadt. Hoffentlich hält das länger an als nur die ersten beiden Tage; hoffentlich ist die Begeisterung auch noch so groß, falls Deutschland ausscheiden sollte.

Killerkitsch: Sonnenuntergänge (1)

Kurz vor dem Spiel FC St. Pauli — Hertha BSC Berlin II am 18.04.2006.

Halbfinalimpressionen

Was für ein Abend. Was für ein Spiel. Was für ein total doofes Ergebnis. Über das Spiel muss ich nicht mehr viel sagen, das haben die Massenmedien und womöglich auch Teile der Blogosphäre schon ausreichend getan. Hier nur zwei kleine Eindrücke, die ich bemerkenswert fand.

Dass man bei St. Pauli auch als gegnerischer Fan nicht unbedingt damit rechnen muss, eins auffe Fresse zu kriegen, habe ich ja schon am 18.02. gemerkt, als die Düsseldorfer da waren und ich mit fünf passend gekleideten Fortuna-Anhängern in der Nordkurve stand. Doch der Mann im vollen Bayern Dress gestern abend war schon schick. Oder war es eher das „Mein Freund ist dof!“ Schild, das sein Begleiter dabei hatte, um sein Missfallen an der Einstellung seines Kumpels auszudrücken?

Ein bisschen Gänsehaut gab’s beim Absingen des Fan-Lieds „Das Herz von St. Pauli“ und später beim Einlaufen der Mannschaften. Die Hälfte der Nordkurve hielt braun-weiße Pappen hoch, die Haupttribüne war ganz und gar bunt („Wir schlagen jeden, egal welche Farbe“ oder so stand auf dem Transparent). Aber ganz berauschend waren die hunderte Leuchtfeuer, die sich binnen zwei Minuten von der Singing Area bis zur Nordkurve verbreiteten. Ein toller Teppich aus buntem Licht und Rauch. Ein bischen Pyrotechnik im Stadion wird wohl erlaubt sein, oder?