Monthly Archive for November, 2006

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Ein Hinweis an alle, die noch nie in ihrem Leben Z…

Ein Hinweis an alle, die noch nie in ihrem Leben Zug gefahren sind: Auf den Reservierungsschildern im InterCity steht „ggf. freigeben“ und nicht „ggf. freigegeben“ — auch wenn Ihr alle die zweite Variante lest und ungläubig fragt, was das denn schon wieder heißen möge. Ach, wo wir gerade beim Thema Platzreservierungen sind: Komisch, dass es eine Relation gibt zwischen der Poltrigkeit, mit der man einen angeblich reservierten Platz einfordert und der Wahrscheinlichkeit, dass man sich im falschen Wagen befindet.

Heute mittag, kurz vor dem Aussteigen aus dem Inte…

Heute mittag, kurz vor dem Aussteigen aus dem InterCity, als ich etwas hektisch meine Sachen aufsammelte, lag das Buch, das ich zurzeit lese, auf dem Sitz. Philipp Roths „The Plot Against America“ ist ein sehr spannender Roman. Es sieht jedoch zugegebenermaßen ein wenig reißerisch aus. Der Titel prangt in Versalien auf dem Cover, das zentrale Bildmotiv ist eine durch Prägung hervorgehobene Briefmarke. Auf die faksimilierte 1 Cent Marke mit einer Flusslandschaft aus dem Yosemite Park ist, und das lässt das Buch auffallen, ein fettes Hakenkreuz gedruckt.

Die Jurastudentin aus Osnabrück, die neben mir saß, guckt sehr offensichtlich auf das Buch, doch bei ihrem Blick bin ich nicht sicher, ob sie den Titel interessant findet, oder sich fragt, ob der kurzhaarige(!!!) Typ neben ihr einen außergewöhnlich zweifelhaften Literaturgeschmack hat.

Das Buch ist nicht ganz so übel, wie es aussieht.

versuche ich die Situation zu retten. Warum kann es mir in solchen Situationen nicht mal egal sein, was andere von mir denken? Warum muss ich meine Literaturauswahl vor wildfremden Menschen rechtfertigen?

Berechtigte Frage, ist aber leicht zu beantworten, indem ich kurz von einem traumatischen Erlebnis berichte, das ich ca. 1990 in der Stadtbücherei in Düsseldorf hatte. Ich stand an der Ausleihe und legte dem Bibliotheksmädchen das Buch hin, das ich gedachte auszuleihen: Frederik Forsyths „The Odessa File“. Ob das „ss“ in Odessa als SS-Runen gesetzt war, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall zierte diesen Buchdeckel ebenfalls ein Hakenkreuz.

Dann fielen die Worte, die sich in mein Hirn eingebrannt haben, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde, die mich auch heute noch darauf achten lassen, im richtigen Moment das richtige Buch dabei zu haben. Denn — das habe ich in diesem Moment mit der Härte eines 16-Tonnen-Gewichts gelernt — man wird nicht zuletzt aufgrund seines Literaturgeschmacks mit Sympathien versehen

Mit dem Ton echter Enttäuschung sagte die junge Frau:

Na immerhin ist es auf Englisch.

Liberales Singapur

SPON berichtet, dass das Strafrecht in Singapur in Bezug auf verschiedene Sexualpraktiken liberalisiert werde, allerdings mit einer Einschränkung:

„Homosexualität ist in Singapur weder akzeptiert noch wird sie toleriert“, zitiert die regierungsnahe Zeitung „Straits Times“

Und die sind sicher, dass sie sich beim Namen der Zeitung nicht verschrieben haben? Sollte die nicht eher „Straight Times“ heißen?

Campusradio

Als Student hat man ja üblicherweise reichlich Flausen im Kopf. Tolle Ideen, grandiose Vorstellungen, die Welt kann mich nicht verstehen liegt einem zu Füßen. Aber man muss sich auch davor hüten, allzu altklug zu klingen. Sonst kann es passieren, dass man die Umstehenden mit einem Zitat nervt, wie ich es beim Nouvelle Vague Konzert im Dezember vor zwei Jahren hören konnte:

Die Teilnahme am politischen Diskurs sollte der moralische Imperativ sein.

sagte der ziegenbarttragende, neunmalkluge Drittsemestertyp hinter mir zu der Frau, die ihn anhimmelte. Dazu fiel mir nichts anderes ein als „Warum nicht einfach mal gepflegt eins auffe Fresse hauen?“. Bin natürlich viel zu zivilisiert, um einem solchen Impuls nachzugeben, aber seinen Spitznamen für den Abend hatte der Typ sicher; spätestens zu dem Zeitpunkt, als er den gottgleichen Gesang der Sängerin bei „Guns of Brixton“ mit dem Beweis seiner eigenen Textsicherheit übertönen musste.

Wort gesucht!

Gestern abend haben R. und ich zum zweiten Mal ein Videotelefonat geführt. Habe ja schon vor einigen Tagen berichtet, wie gut das mit iChat funktioniert. Doch eine Sache fehlt mir: ein Verb.

Die bisher verwendeten Ausdrücke gefallen mir nicht. Hier eine kleine Auswahl: „Bildtelefonieren“ klingt ziemlich nach den Achtziger Jahren. Wer „videochatten“ sagt, benutzt in Wörtern mit Internet-Bezug bestimmt auch ein „@“ für ein „a“. „Videofonieren“ habe ich noch nicht in freier Wildbahn gehört, fällt aber ebenfalls durch. „Videokonferenz abhalten“ erinnert mich fatal an meine Arbeit, das möchte ich im Gespräch mit Freunden vermeiden.

Ist also ein Problem. Vielleicht können sich die Sprachpfleger vom Verein Deutsche Sprache oder von der Aktion Lebendiges Deutsch dieses Problems annehmen. Oder aber Ihr, liebe Leser. Hat jemand eine gute Idee, wie diese lexikalische Lücke zu schließen ist?

Und ob sisch dat lohnt!

Heute erwähnte die hochgeschätzte Elle in einem Text, dass der zukünftige Gatte ihr gleich zwei Töpfe Rübenkraut gekauft habe. Für die, die Rübenkraut nicht kennen (und das werden außerhalb des Rheinlands schätzungsweise nicht wenige sein), sei erstens auf die Wikipedia verwiesen und zweitens gesagt, dass es sich um einen der großartigsten Exportartikel des Niederrheins handelt.

Bekannt ist vor allem das Produkt der Firma Grafschafter in seinem markanten, gelben Pappbecher. Doch es gibt auch andere Hersteller. Meine Mutter wurde bei einer Tour durch den Niederrhein auf eine kleine Krautmanufaktur aufmerksam, bei der sie ein paar Gläser direkt vom Hersteller erstand. Eins dieser Gläser landete bei mir, schmeckte sehr und war viel zu schnell leer.

Auf der Suche nach Nachschub rief ich beim Hersteller, der Krautfabrik Spelten, in Wegberg an. Ich sprach mit Frau M., deren breiter rheinischer Dialekt sofort heimische Gefühle in mir weckte. Ob ich denn den leckeren Brotaufstrich auch in Hamburg kaufen könne?

Näää, allso, dat ess so ne regionale Sache, datt kriegense in Hamburg nit. Da müssen se mal vorbeikommen, wenn se in der Gegend sind.

Schade, aber gibt es nicht vielleicht doch eine Möglichkeit?

Watt wer mache könne, ess datt isch ihne ein paar Gläser schicke, Aber wissen se, dat is teuer, dat lohnt sisch eigentlich nit.

Mein Interesse war geweckt: Doch, doch, Frau M., sagen sie mal, was haben Sie denn für Produkte?

Wir ham dat Rübenkraut, Apfelkraut, Apfelkraut ungesüßt, Birnenkraut, Birnenkraut ungesüßt und Pflaumenmus.

Klingt aber sehr interessant. Und was würde das Porto kosten?

Allso, bis fünf Killo kost dat soundso viel, bis zehn Killo isset etwas preiswerter. Aber wissen se, eigentlisch lohnt sisch dat nit.

Ich konnte Frau M. dann doch noch davon überzeugen, dass ich gerne Kunde werden würde, habe die Freundin S. — ebenfalls ein expatriate des Rheinlands — für eine Sammelbestellung gewinnen können und schließlich bei Frau M. ein großes Paket bestellt.

Ein paar Tage später hatten meine Nachbarn ein Paket für mich entgegengenommen. Ganz vertrauenserweckend sah das nicht aus.

speltenpaket

So gut die Brotaufstriche der Firma Spelten auch schmecken, an ihren Versandverpackungen müssen sie noch ein wenig arbeiten. Der extra-weiche Karten (Inhalt: immerhin 10kg Marmelade) war wenig formstabil, gefüllt mit Styroporchips und gut 15 wild durcheinandergewürfelten Gläsern. Eins davon war kaputt — zum Glück kein Rübenkraut, sondern das extrem dickflüssige ungesüßte Apfelkraut, das durch schiere Eigenklebekraft das zerbrochene Glas zusammenhielt.

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Bis auf diesen Verlust war die Freude groß. Frau M. schrieb mir das kaputte Glas gut („Wissen se, ihnen Ersatz zu schicken, dat lohnt sisch nit.“) und über Monate hinweg hatte ich genug Krautaufstrich, um mir die Frühstücke zu versüßen.

Nun sind die Vorräte aber schon seit einiger Zeit aufgebraucht und ich hätte gerne Nachschub. Wie groß ist die Rheinland–Fraktion hier? S.? Elle? Sammelbestellung irgendjemand?

Judith? Bist Du es?

Seit fast einer Stunde warte ich hier auf den Elektriker, der um 8 Uhr da sein wollte. Doch dafür, dass die Zeit nicht zu lang wird, sorgt ein Telekommunikationsunternehmen, das mich mit einer vorgelesenen SMS belästigt.

Als mir die Stimme zum ersten Mal ihr

Wir haben eine SMS-Kurznachricht für Sie.

ins Ohr schepperte, war ich wie von Sinnen, sprang vom Stuhl und holte in Hoffnung, dass Judith nun doch zurückkomme, den Vorschlaghammer raus.

Doch nichts dergleichen. Stattdessen hörte ich die vom Computer genuschelte Nachricht:

Wir sind jetzt fast zu Hause. Vielen Dank für die Bleibe und die vollpensionäre Verpflegung.

Nett, aber ich hatte keinen Besuch. Dafür durfte ich die Nachricht aber in der folgenden Viertelstunde ungefähr fünfzehnmal anhören. Das Telefon klingelte mit der berüchtigten 19310-Nummer im Display und noch während ich dran ging, klingelte es — ISDN sei Dank — auf dem zweiten Kanal gleich nochmal.

Nun ist Ruhe, der Elektriker war da und ich mache mich auf den Weg ins Büro.