Monthly Archive for Februar, 2007

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Zugbloggen

Freitag Nachmittag, 16:50 im IC von Hamburg nach Düsseldorf, als ich den Mann, der sich vor mir auf meinen reservierten Platz setzt, darauf hinweise, dass er direkt wieder aufstehen kann: „Ach, der Platz ist reserviert? Na dann setze ich mich auf meinen Platz.“ (Es ist Freitag nachmittag!)

In Bremen zeigt ein Zugestiegener auf die Reservierungsdisplays: „Wenn hier steht, ‚Bremen — Münster‘, heißt das, dass der Platz dann reserviert ist?“

Schlimmer als Zwölftonmusik: „Du, ich sitz jetzt im Zug.“

Können wir die Unterteilung in 1. Klasse und 2. Klasse bitte ersetzen durch „Klasse für Leute, die regelmäßig Zug fahren und wissen, wie man sich im Zug verhält“ und „Neulinge und Seltenfahrer, denen man alles erklären muss“?

Brief an die Meiendorfer

Liebe Meiendorfer,

Das Hamburger Abendblatt berichtet heute im Aufmacher des Lokalteils von Eurer geplanten Demonstration, mit der Ihr Euren Protest über die Schließung Eurer Post-Filiale deutlich machen wollt. Dort heißt es:

Demonstration in Meiendorf geplant. Anwohner wollen Post mit Sarg und Kranz symbolisch zu Grabe tragen.

Das „symbolische zu Grabe tragen“ mit einem Sarg bei einer Demonstration, liebe Stadtberzirksgenossen, ist so ziemlich das langweiligste, stereotypste und abgeschmackteste, was man bei einer Demonstration machen kann. Mit den Dingen, die alle schon mit einem Sarg symbolisch zu Grabe getragen wurden, kann man wahrcheinlich den Marianengraben auffüllen und obendrein noch ein Skigebiet auf den dadurch entstandenen Dreitausender bauen. Das war schon abgenutzt, als ich 1993 bei meiner ersten Studentendemo dabei war; seitdem ist diese Metapher nicht aktueller geworden.

Also, liebe Meiendorfer, noch habt Ihr Zeit bis zu Eurer Demonstration. Zeit mal ein wenig Kreativität und lasst den Sarg zu Hause. Oder besser noch: Tragt doch mal das zu Grabe Tragen zu Grabe.

Zurück von der Prophylaxe

Wenn ich heute etwas abwesend wirke, liegt das daran, dass ich nach der Zahnreinigung heute morgen den ganzen Tag lang verzückt von dem feinen, glatten Gefühl mit der Zunge durch meine Mundhöhle fahre und jeden Zahn einzeln befühle. Dabei kann man schonmal für einen Moment seine Umwelt vergessen.

Neuer Geruch im Bahnhof

Der schmierige Bahnhofsbestinker CK Pommes hat vor einigen Wochen Knall auf Fall zugemacht. Stattdessen hat nach einer rekordverdächtig kurzen Umbauphase nun eine Filiale der Käsefladenkette Ditsch aufgemacht. Wir werden über den olfaktorischen Wandel im Bahnhof Barmbek berichten.

Auch wenn man beim Verlassen des S-Bahnsteigs nicht mehr in Pommesfettgeruch gebadet wird, bin ich nicht gerade guter Hoffnung, dass der Pizzamatsch und -flatsch, der nun dort angeboten wird, eine substantielle Besserung sein wird.

Neue Herausforderung? Nein danke.

Die Freundin in Kanada macht mich auf einen Beruf aufmerksam, über dessen Existenz ich mir bisher keine Gedanken gemacht habe: Wer macht eigentlich nach einem (Selbst-)Mord die Wohnung sauber? Das kann, wie wir alle aus Pulp Fiction wissen, eine ganz ordentliche Sauerei sein. Wenn man nicht gerade seinen Onkel Marsellus Wallace anruft, der wiederum die Kavallerie zur Hilfe schickt, gibt es dafür zum Glück Spezialisten, die sowas legaler machen als Winston ‚The Wolf‘ Wolfe. Solche Firmen findet man in den Gelben Seiten unter „crime and trauma scene decontamination“.

Das ist ein Job, den ich fürwahr niemals machen möchte. Aussichten wie „They scrape brain matter off of walls and collect any bone fragments embedded in the drywall“ klingen nicht nach einer Tätigkeit, nach der ich abends bei einer Bionade die Füße hochlegen könnte. Brrrr…

Spielzeug für Erwachsene

Zu Weihnachten hatte ich mal wieder das große Vergnügen, mit meiner zweijährigen Patennichte zu spielen. Sie hat eine Holzeisenbahn bekommen, die ganz klassische, mit Holz-Schienen und Holz-Fahrzeugen. Obwohl: so klassisch waren die Fahrzeuge dann doch nicht. Ich fand es schon bemerkenswert, dass die Fahrzeuge mittlerweile wie von Geisterhand selbst fahren können, mit Batterie und so. Aber gut: Meine Holzeisenbahnzeit ist trotz meiner gefühlten Jugendlichkeit (Ähem…) doch schon ein paar Tage her und diese Entwicklung im Spielzeugmarkt nehme ich mit einem Schulterzucken zur Kenntnis.

Jetzt stoße ich via Elektronikladenblog auf die BRIO NETWORKERS. Die Site sieht ja lustig aus, besonders die Viren-Figürchen sind putzig. Aber Kinderspielzeug? Für Kinder im Holzeisenbahn-Alter? Dann wohl doch eher für altersmäßig fortgeschrittene Geeks, die diese Dinge auf den Monitor stellen oder sonstwie den Schreibtisch damit befüllen. Um es kurz zu machen: Wo finde ich die Dinger? Im Spielzeugladen? Bei ThinkGeek?

Einheitsbrei mit Soße

Eher selten komme ich in die Verlegenheit, einen Radiosender abseits vom Deutschlandfunk zu hören. Es ist für mich nahezu eine Qual, dem Dudelfunk, dem Formatradio, der Pest des Äthers zuzuhören. In jedem Sender die gleiche Musiksoße, die gleichen indifferent fröhlichen Moderatoren, die gleichen hirnrissigen „Ich bin der Klaus aus Poppenbüttel“ Anrufspielchen.

Was in mir totales Unverständnis hervorruft, ist, wie in den Jingles dieser Sender die Sprache verdreht wird. Dass Sender, die nicht mehr als geschätzte 30 CDs im Repertoire haben und die ewig gleichen Turner-Adams-Cocker-Sting Klamotten spielen, ihre Musikauswahl auch noch als „vielfältig“ bezeichnen, ist mir ein Rätsel. Wie kann man denn verstehen, dass ein Sender, der nur „Megahits“ (Hat dieses Wort schonmal jemand benutzt? Außerhalb der PR-Abteilung eines Dudelsenders?) spielt, dieses Programm auch noch als „Vielfalt“ definiert? Das schließt sich doch aus.

Im Sommer mache ich eine Eisdiele auf: „Jetzt mehr Vielfalt — 64 Sorten Vanilleeis.“

Spiegelentzug ohne Cold Turkey

Vor zwei Wochen und einem Tag kündigte ich an, die Nase voll zu haben von Spiegel Online. Ich habe dieser Website entsagt, die ich so intensiv gelesen habe wie bisher keine andere Zeitung.

Zwei Wochen ohne jede Entzugserscheinung. Ich vermisse es nicht mal besonders. Die Süddeutsche Zeitung hat eine ganz annehmbare Website; der einzige Nachteil dort ist, dass sie nicht so häufig aktualisiert wird wie SPON. Doch damit kann ich leben, dann muss ich auch nicht mehr alle 10 Minuten nachschauen, ob es etwas Neues gibt.

„Systemoptimierung“

Habe gerade mit der Deutschen Bahn telefoniert, genauer gesagt, mit dem BahnCard Service im fernen 26417 Schortens. Ich bin gerade dabei, meine private BahnCard in eine vom Arbeitgeber angeschaffte BahnCard First umzutauschen. Dazu wollte ich mir bei den freundlichen (wirklich freundlichen!) Damen im Call Center einen Status dieses Vorgangs geben lassen.

Ich: Ich habe eine Frage zu meiner BahnCard, ich gebe Ihnen mal meine Kartennummer.

Frau J.: Worum geht es denn? Ich kann gerade nicht auf unser System zugreifen, wir haben eine Systemoptimierung.

Ich: Bis wann dauert denn die Optimierung?

Frau J.: Bis Mittwoch.

Ich: Und heute ist… Donnerstag.

Frau J.: Ja.

Ich: Sie haben also eine Woche keinen Zugriff auf Ihr System?

Frau J.: (Genervt, aber nicht von mir, sondern vom Leben) Ja.

Ich: Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?

Frau J.: (nun auch von mir genervt) Wieso nicht?

Ich: Na, dann wünsche ich Ihnen viel Spaß mit Kunden, die viel ungelduldiger sind als ich.

Wir haben uns noch freundlich verabschiedet. Ich habe echtes Mitleid mit einer Call Center-Agentin, die eine Woche lang Kunden abwimmeln muss. Die Deutsche Bahn findet immer neue Wege, mich in höchstes Erstaunen zu versetzen. Können die nicht diese Kreativität dafür nutzen, Fahrgäste pünktlich und schmerzfrei von A nach B zu bringen?