Tag der Lügen 2006

Heute war wieder der Tag der Lügen, den mein Arbeitgeber einmal pro Jahr begeht. Einmal pro Jahr, so will es irgendeine Vorschrift, muss ich schriftlich bestätigen, dass ich die Arbeitsanweisungen, Prozessbeschreibungen, Brandschutzordnung und Notfallplan zur Kenntnis genommen habe.

Am Tag der Lügen kommt meine Teamleiterin mit einem Zettel, auf dem ich unterschreiben soll, dass ich die Texte zur Kenntnis genommen habe. An diesem Tag habe ich immer schlechte Laune, denn natürlich habe ich die Sachen nicht gelesen. Ich weiß nicht mal, wo sie stehen. Meine Teamleiterin weiß auch nicht, wo sie stehen („Das steht im Intranet.“ Wer unser Intranet kennt, weiß, dass man da so schnell nichts wiederfindet). Alle anderen Kollegen haben am selben Tag unterschrieben, dass sie auch alles gelesen haben. Eine Farce.

Als nächstes stelle ich meiner Teamleiterin die Frage, worauf ich denn die Zeit buchen soll, die ich mit dem Lesen verbringe. Auch darauf gibt es keine sinnvolle Antwort, denn man geht ja nicht wirklich davon aus, dass die Sachen gelesen werden. Wie auch? Bei der Menge Papier würde das ja Wochen dauern. Ah, die glorreiche Erfindung des Projekt-Controllings.

Mittlerweile steht die Führungskraft mit Liste und Stift hinter mir und drängt mich dazu, zu unterschreiben. Aus irgendwelchen Gründen, wird sie dafür verantwortlich gemacht, wenn ich die „Kenntnis“ nicht „bestätige“.

Der Tag der Lügen lässt mich immer zweifeln, ob ich wirklich in der richtigen Firma gelandet bin. Keiner liest diesen Müll, alle unterschreiben es, damit die liebe Seele ihre Ruh‘ hat. Natürlich unterschreibe ich es schließlich auch, weil ich meine Zeit mit Besserem verbringen kann, als wegen dieser Lappalie einen Aufstand zu machen. Aber glaubt das Management dieses Unternehmens wirklich daran, dass der Betrieb besser funktioniert, wenn alle bestätigen, etwas gelesen zu haben, dass keiner gelesen hat? Geht es um eine funktionierende Organisation oder darum, dass man sich das vorspielt?

Mich würde wirklich brennend interessieren, ob eine solche Unterschrift vor einem (Arbeits)Richter wirklich Bestand hätte. Ich kann es mir kaum vorstellen. Hat jemand Ahnung von der Materie? Juristen anwesend? Anyone? Anyone?

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