Mein Ausflug zu den Verschwörungstheoretikern

Hatte am Sonntag abend ein extrem verstörendes Medienerlebnis. Durch irgendeine Website bin ich auf den Film „Loose Change“ aufmerksam geworden und habe eine Stunde und zwanzig Minuten meines Lebens investiert, um ihn mir anzuschauen.

Danach war ich ziemlich perplex. Ohne in die Details gehen zu wollen: Der Film rekapituliert die Anschläge vom 11.09.2001 und wirft dabei viele Fragen auf, ob die Ereignisse sich wirklich so abgespielt haben, wie es im allgemeinen als Konsens aufgefasst wird. Es wird — unterlegt von vielen Bildern — argumentiert, dass das Pentagon nicht von einer Boeing 757, sondern von einem Marschflugkörper getroffen wurde, dass der Einsturz des World Trade Centers nicht ursächlich durch Flugzeugeinschläge, sondern durch Sprengladungen überall im Gebäude herbeigeführt wurde und dass United 93 nicht abgestürzt ist, sondern in einer geheimen CIA-Aktion in Cleveland geladnet wurde. Kurz gesagt: Es ist ein aufwändig produzierter Film von Verschwörungstheoretikern, der jedoch heftig umstritten ist.

Trotzdem war ich nach dem Film erst einmal durch den Wind. Die Argumentationen in dem Film waren in sich sehr schlüssig und stellten doch sehr viel auf den Kopf, was ich bisher nicht hinterfragt habe.

Habe danach noch im passenden Wikipedia-Beitrag geblättert. Dort gibt es eine Reihe von Links zu Websites, die sich mit Loose Change beschäftigen, die Thesen und Methoden des Films kritisch zu beleuchten. Ich bin beim „9-11 Loose Change Second Edition Viewer Guide“ hängen geblieben und habe eine weitere gute Stunde meiner Zeit investiert, diese Gegenseite genauso fasziniert aufzunehmen, wie den Film vorher.

Später am Abend setzte ein heftiges Gewitter über Barmbek ein, ähnlich dem, was sich gerade in meinem Kopf abspielte. Kann mich nicht erinnern, intellektuell jemals so sehr hin- und hergerissen gewesen zu sein. Zwar hat die Lektüre des Viewer Guides sehr viel von dem wieder gerade gerückt, was „Loose Change“ vorher durcheinander geworfen hatte, doch nun spürte ich eine enorme innere Unruhe, weil ich diesen Verschwörungstheoretikern vorher so auf den Leim gegangen bin. Die blatanten Fehler, auf die der Viewer Guide aufmerksam macht, sind so offensichtlich, dass sie mich wirklich schon beim Schauen des Films hätten misstrauisch werden lassen müssen. Das hat mich geärgert: Ich halte mich im allgemeinen für einen wachen und kritischen Menschen mit einer gewissen Detailversessenheit. Dass die drei Autoren des Films mich trotzdem so manipulieren konnten, hat mir gezeigt, dass Bilder an sich eine solche Authentizität verströmen, dass der Verstand ausgeschaltet oder zumindest eingelullt wird. Normalerweise habe ich dieses natürliche Misstrauen gegenüber kommerziell orientierten Massenmedien, als obligatorisches Beispiel sei die Tageszeitung mit den vier Buchstaben genannt. In diesem Fall war der Film aber eine kleine Independent-Produktion und kein Produkt, das mit großem Marketing-Aufwand in die Hälse der Zuschauer gedrückt wird. Hier funktionieren die gleichen Mechanismen wie bei Blogs, bei Podcasts und allen anderen unabhängigen Medien: Mundpropaganda und ein gewisser Bonus für den Underdog.

Bin schließlich mit der Erkenntnis ins Bett gegangen, dass Propaganda überall lauert und man wirklich nichts für bare Münze nehmen soll.

Gestern lief kurz vor 18 Uhr im Deutschlandfunk ein feuilletonistisches Interview über diesen Film, das ich allerdings nicht vollständig hören konnte: Zwischendurch kam es immer wieder zu Aussetzern in der Übertragung, teilweise fehlte deutlich mehr als eine Minute des Beitrags. Wenn das die Verschwörungstheoretiker hören.

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