Mein neuer Freund Claude und ein bemitleidenswertes Stadion

Als touristische Attraktion für heute stand ein Besuch des Olympiastadions auf dem Programm. Bin, was Olympiastadien angeht, schon fast ein kleiner Groundhopper geworden: München und Sydney habe ich besucht, in Innsbruck bin ich zumindest schonmal am Bergisel vorbeigefahren und heute ist Montreal dran. Das markante Stadion mit dem eigenwilligen schiefen Turm liegt nicht weit von der Wohnung meiner Gastgeber im Plateau entfernt, eine kurze Fahrt mit dem 97er Bus soll mich zum Stadion bringen. Bin gespannt, denn Georg hat mich mit seinen Bildern und Berichten neugierig gemacht.

Busfahren in anderen Städten ist immer eine aufregende Sache. Wie kauft man die Fahrkarten? Welche Karten gibt es? Wie entwertet man die Karten? Fragen 1 und 2 hat mir R. schon beantwortet (ad 1: Beim freundlichen Lebensmittelladen „Dépanneur“, ad 2: im Sechserpack), für Frage 3 habe ich mich an einen Herrn an der Haltestelle gewandt. War mir dann die nächsten zwanzig Minuten nicht sicher, ob das nicht ein törichter Fehler gewesen ist. Der Mann entsprach nicht gerade der Kategorie „Im Bus möglichst weit entfernt hinsetzen“, sondern wirkte äußerlich halbwegs vernünftig. Bevor jetzt einer kommt und behauptet, ich möge die Mitmenschen nicht nach dem Aussehen beurteilen: Blödsinn. Muss man machen. Ist eine Überlebensgrundlage für ÖPNV-Benutzer (Nebenbemerkung: Ich erkenne mittlerweile schon beim Einfahren der U-Bahn, ob ein bestimmter Wagen oder ein Teil davon benutzbar ist oder nicht. Dazu muss ich nicht erst eingestiegen sein.) Ein besonderes Zeichen für hohe ökologische Angepasstheit ist, auch in fremden Städten/Ländern schnell einen Sinn dafür zu entwickeln, wie hier die Spinner aussehen.

In radebrechendem Englisch (das ungefähr die Qualität meines Französisch hat) versuchte der Mann mir zu erklären, dass ich die Fahrkarte in einen Kasten werfen muss und mir der Fahrer dafür einen Schnipsel in die Hand drückt, der mir beim Umsteigen als nächste Fahrkarte dient. Danke sehr. Mir hätte das als Konversation gereicht (mein Spinner-Sensor schlug doch ein wenig an), aber mein neuer Freund deutete mir an, dass er mit mir „Mein linker, linker Platz ist frei“ spielen wollte. Na, OK, ist ja keine ewig lange Fahrt. In den zwanzig Minuten bis zum Olympiastadion haben wir ein paar grundlegende Dinge geklärt (Ich bin Tourist aus Deutschland, Hitler war keiner guter Mensch, in Deutschland regieren keine Faschisten, Montréal hat teure Mieten, dieses Gebäude dort wird bald abgerissen, der botanische Garten ist zu empfehlen, das da drüben ist eine Kirche, Benzin ist teuer). Wir haben uns einander vorgestellt und Claude sagte mir, dass ich sehr wenig Deutsch wirke („You are so gentle.“). Ich war aber doch recht froh, dass er mir nicht angeboten hat, auch noch den Rest des Tages miteinander zu verbringen.

Nächste Etappe: Stadion. Habe mich für das volle Paket entschieden. Besichtigung der Aussichtsplattform in knapp 200m Höhe und geführte Tour durch das Stadion. Die Frau an der Kasse wies zwar noch darauf hin, dass das Stadion etwas unaufgeräumt sei. Gestern habe ein Rave stattgefunden und die Party sei erst vor einer halben Stunde zu Ende gegangen. Wenn mich die Aufräumarbeiten nicht stören, könne ich die Tour gerne mitmachen.

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Um’s kurz zu machen: So spannend das Stadion aus der Entfernung auch aussieht mit seinem geneigten Turm und der von Stahlseilen gehaltenen Dachkonstruktion, es ist eine totale Investitionsuine und völlig deprimierend. Zu einer Zeit gebaut, in der unverschalter Beton das Maß aller Dinge war, wirkt die Anlage heute nur noch bedrückend. Allen Retro-Trends zu Trotz ist der Charme der Siebziger Jahre nur etwas für ausgemachte Connoisseure. Andere schüttelt es nur ob dieser in Stein gegossenen Deprimiertheit.

Die Aussichtsplattform wurde erst im Jahr 1987 — elf Jahre nach den Spielen — fertig gestellt und eröffnet. In der Zeit dazwischen wird man sie auch kaum vermisst haben. Selten war ich auf einer Plattform, von der man so wenig sehen konnte. Es gibt kein Rundum-Panorama, man kommt nur auf 1m Entfernung an die Fenster heran. Es gibt einen deprimierenden Kiosk, zwei Getränkeautomaten und eine Inneneinrichtung, die sehr authentisch den Geschmack des Jahres 1987 widerspiegelt. C’est tout. Nach nicht einmal einer halben Stunde bin ich wieder unten; die Hälfte der Zeit davon habe ich im Reiseführer geblättert.

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Ein paar Minuten später geht die Stadionführung los. Henri sammelt meine beiden Mitstreiter und mich am Treffpunkt ein und beginnt seine Tour. Erste Station ist die große Schwimmhalle, die derzeit nicht benutzbar ist, weil ein neuer Pool für die Synchronschwimmer gebaut wird. Die Halle ist riesig, sie bietet Platz für 3.000 Gäste. 1976, bei den Spielen, fanden 9.000 Zuschauer Platz. Glaubt mir, die Halle ist verdammt groß. Heute wird sie als Trainingsbecken für den kanadischen Leistungssport verwendet. Aber Moment, war nicht 2005 die Schwimm-WM in Montreal? Naja, gibt Henri zu, aber dafür hat man ein neues Stadion auf einer Insel im Fluss gebaut, dies hier sei nicht passend gewesen.

Durch eine kleine Durchgangstür erreichen wir das Stadion. Die Aufräumarbeiten sind im vollen Gang, und das ist auch bitter nötig. Der Rave hat reichlich Müll hinterlassen. Außerdem müsste man mal ein Fenster aufmachen: Die ganze Kuppel des Stadions ist verhangen von letzten Schwaden des Trockeneisnebels der Nacht. Leider ist die Kuppel des Stadions fest fixiert und nicht mehr zu öffnen, wie es die ursprüngliche Planung vorgesehen hat.

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Henri erzählt von der Geschichte dieses Stadions: Nach den Spielen wurde das Dach fertig gebaut (zweimal — die erste Dachkonstruktion aus Kevlar war ein Schuss in den Ofen), der Rasen und die Tartanbahn rausgerissen und nach einem Nachnutzungskonzeot gesucht. Seit den Achtziger Jahren gastierten hier eine Fußballmannschaft (die Liga wurde aufgelöst), Baseball (die Mannschaft ist umgezogen), Autoshows (Yay!), Konzerte (furchtbare Akustik, eine neue Halle wurde in der Innensadt gebaut) und der Papst (war danach nie wieder in Kanada). Beim Rave gestern abend kamen statt der erwarteten 12.000 nur 7.000 Gäste. Henri beschriebt das als Erfolg und klingt dabei ein wenig wie Friedbert Pflüger nach der verlorenen Landtagswahl in Berlin.

Mittlerweile kann ich verstehen, dass das IOC bei der Vergabe von olympischen Spielen sehr auf ein schlüssiges und wirtschaftlich tragbares Nachnutzungskonzept achtet. Hochachtung an die Leute in Sydney, dort konnte ich ein Stadion besichtigen, wo alles richtig aufgeht. Hier läuft gar nichts, und die Kredite für den Bau des Stadions werden auch erst im November 2006 abbezahlt sein.

Note to self: Dringend nochmal Reiseerfahrung mit Georg vergleichen, wenn ich wieder zurück bin.

1 Response to “Mein neuer Freund Claude und ein bemitleidenswertes Stadion”


  • Die Aussichtsplattform im Big Owe ist allerdings keine prachtvolle Schönheit, aber den Rundumblick von dort fand ich klasse. Ich war fast eine Stunde dort oben. Für die große Stadiontour hatte ich im August leider keine Zeit. Insgesamt hast Du aber recht, die ganze Anlage wirkt zwar etwas schäbig, aber ich habe noch immer das Gefühl, dass das Stadion die konzeptuelle Vorlage für die Raumschiffe in „Independence Day“ war. :-)

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